Dienstag, 1. November 2011

Zum Stand der Browserkriege || Wühlen in Statistiken 10/2011

Seit dem ersten Wühlen in Statistiken Ende August hat sich wieder einiges bewegt: So musste der Internet Explorer gleich auf zwei Kontinenten (Afrika und Südamerika) die Marktführerschaft abgeben und auf einem dritten Kontinent (Europa) muss er sie teilen.

Der Chrome Browser ist erstmals für jeden vierten gezählten Webseitenzugriff im StatCounter Netzwerk verantwortlich und das iPad taucht in einigen Ländern deutlich sichtbar in den Statistiken der Desktopbrowser auf, gleichzeitig nimmt in einigen Ländern der mobile Webzugriff drastisch zu. Die massiven Verschiebungen in der weltweiten Browsernutzung sind also noch lange nicht an ihrem Ende angekommen.

Warnung vor der Statistik

Eine Warnung bzw. Erinnerung vorweg: Alle Aussagen hier beruhen auf Statistiken, deren genaue Entstehung nicht weiter überprüft werden kann. Und dabei gibt es Merkwürdigkeiten: So zeigten die StatCounter Statistiken im Monat September eine Zeit lang einen starken Anstieg des Internet Explorers (allein ein Deutschland waren es fast 3 Prozentpunkte), so dass man fast vermuten konnte Microsoft habe die Kehrtwende geschafft. Im Monat Oktober wurde dieser Entwicklung aber komplett rückgängig gemacht und insgesamt betrachtet erscheint das ‘Aufblühen’ des Internet Explorers als eine Anomalie, die sich nur mit Problemen oder Umstellungen in der Erstellung der Statistik erklären lässt. Von daher sollte man zu kleinteilige Interpretationen der Zahlen vermeiden und versuchen den generellen Trend zu erkennen:

Stand Ende Oktober 2011

Hier wieder die Statistiken für den Monat Oktober 2011 von den beiden großen Statistikanbietern:

Source: StatCounter Global Stats - Browser Market Share

Die erste Statistik kommt von NetMarketshare, und die zweite von StatCounter. Wie diese Dienste ihr Zahlen ermitteln und warum sie so unterschiedlich sind hatte ich schon im letzten Post kurz beschrieben. Hier die aktuellen Werte im Vergleich:
Browser/Statistik NetMarktshare StatCounter
Internet Explorer 52,63% 40,18%
Firefox 22,51% 26.39%
Chrome 17,62% 25%
Safari 5,43% 5,93%

In den folgenden Ausführungen wird wieder auf die StatCounter Statistiken gesetzt, da sich hier Teilauswertungen nach Regionen und Ländern frei abrufen lassen. Es werden dabei immer die letzten 6 Monate betrachtet. Hier die weltweite Entwicklung:

Source: StatCounter Global Stats - Browser Market Share

Die Trends von der letzten Betrachtung setzen sich also offenbar fort: Der Internet Explorer bröckelt, der Firefox ebenfalls, Chrome kann fast alle diese frei werdenden Marktanteile aufnehmen und für Safari bleibt auch noch etwas übrig.

Chrome

Für Chrome waren es wieder gute Monate: Der Aufstieg des jüngsten Browsers der großen Vier setzt sich immer noch fort und es wurden zwei wichtige Meilensteine erreicht. So hat Chrome jetzt einen weltweiten Marktanteil von 25% und liegt damit nur noch knapp hinter dem Firefox. Google selbst gab kürzlich bekannt, dass Chrome nun 200 Millionen Nutzer habe. Gleichzeitig hat Chrome den ersten Kontinent ‘gewonnen’ und in Südamerika den bisher führenden Internet Explorer überrundet:

Source: StatCounter Global Stats - Browser Market Share

Der Aufstieg hat sich dabei in den letzten Monaten offenbar noch beschleunigt und es sieht nicht so aus, als ob hier schon das Ende erreicht wäre. Auch in Asien gab es einen wichtigen Fortschritt, dort hat Chrome den Firefox von der Position 2 verdrängt:

Source: StatCounter Global Stats - Browser Market Share

In den industrialisierten Ländern hat Chrome hingegen meist bei weitem noch nicht so hohe Marktanteile errungen, aber auch hier gibt es Fortschritte. So hat Chrome inzwischen nicht nur in England den Firefox überholt, sondern auch in Italien, Norwegen und den Niederlanden.

Source: StatCounter Global Stats - Browser Market Share

Auch in Spanien wird es vermutlich bald so weit sein. Schwer tut sich Chrome weiterhin in Deutschland (siehe die Graphik  im Abschnitt zum Internet Explorer). Interessant ist, dass von ChromeOS, dem Browserbetriebssystem von Google, in den Statistiken noch keine Spuren zu finden sind.

Firefox

Der Firefox ‘gewinnt’ mit Afrika einen Kontinent vom Internet Explorer:

Source: StatCounter Global Stats - Browser Market Share

Auch in Europa ist der Browser – wie schon zu Beginn 2011 – wieder an den IE herangekommen, hier ist es zur Zeit ein Kopf-an-Kopf Rennen:

Source: StatCounter Global Stats - Browser Market Share

Trotzdem zeigen diese ‘Erfolge’ nicht die Stärke, sondern die Schwäche des Firefox, sind sie doch nicht durch eigenes Wachstum errungen worden, sondern nur durch den Abstieg des Internet Explorers bzw. den Aufstieg Chromes. Auch in Ländern wie Indien, in denen der Firefox ein starkes Wachstum zeigt, wächst Chrome noch schneller:

Source: StatCounter Global Stats - Browser Market Share

Insgesamt ist es also eine bestenfalls gemischte Bilanz: Auch wenn es noch Länder gibt in denen der Firefox gewinnt, so wiegt dies offenbar nicht die Verluste an anderer Stelle auf, etwas in klassischen Firefox Ländern wie Deutschland. Falls sich dieser Trend nicht schnell und deutlich ändert wird Chrome Firefox noch in diesem Jahr den lange gehaltenen Titel des zweitwichtigsten Browsers der Welt abnehmen (zumindest in dieser Statistik, bei Netmarketshare ist der Abstand noch größer). 

Internet Explorer

Der Internet Explorer hat es in den industrialisierten Ländern teilweise vermocht den Abwärtstrend zu stoppen, so z. B. in den USA:

Source: StatCounter Global Stats - Browser Market Share

Es ist allerdings schwer zu sagen ob dies der neuen Version 9 geschuldet ist, die nur auf Windows 7 nutzbar ist, oder andere Gründe hat. Auch hat es den Anschein als würde sich der IE ‘auf Kosten’ des Firefox sanieren, während der Aufstieg von Chrome – dem eigentlichen Feindbild Microsofts – nicht aufgehalten wurde. In Deutschland hat der Internet Explorer im letzten halben Jahr – trotz der merkwürdigen Schwankungen in den letzten beiden Monaten – einige Marktanteile gutgemacht:

Source: StatCounter Global Stats - Browser Market Share

Hier kann man möglicherweise einen direkten Zusammenhang mit der neuen Politik von Mozilla herstellen neue Browserversionen genauso schnell wie Google zu veröffentlichen, eine Politik die insbesondere bei Firmenanwendern nicht gut ankam. Möglicherweise haben sich hier einige große Nutzer von Firefox abgewandt. Wichtig ist es auch sich immer mal wieder die große Dominanz des IE in China, Japan und Südkorea in Erinnerung zu rufen:

Source: StatCounter Global Stats - Browser Market Share

Warum ist der IE hier eigentlich so vorherrschend? Liegt es an einer besseren Sprachanpassung? Selbst wenn Chrome hier nach und nach kleine Anteile gewinnt würde es bei diesem Tempo noch viele Jahre dauern, bis der IE erreicht wird. Auf der anderen Seite gibt es Länder wie die Philippinen, in denen der IE in die Bedeutungslosigkeit abzugleiten droht:

Source: StatCounter Global Stats - Browser Market Share

Safari / iPad

Die Nutzung von Apples Safari Browser scheint weiterhin stark an Apples Hardware gekoppelt zu sein und wächst daher nur in den reichen Ländern signifikant. Interessant ist es aber zu sehen, dass der iPad Browser jetzt in ersten Länderstatistiken der Desktopbrowser auftaucht, wie etwa in Australien:

Source: StatCounter Global Stats - Browser Version Market Share

Auch dieser Effekt ist bisher nur in den reichen Ländern zu beobachten, aber er zeigt sicher einen Trend für die Zukunft, in der sich zwischen die Smartphones und die klassischen Desktop Browser noch die Kategorie der Tablets schieben wird und zwar mit einem signifikanten Anteil an der Internetnutzung. Entsprechende Ergebnisse zeigt auch eine aktuelle Studie zur Tablet Nutzung, nach der das Surfen im Netz weiterhin deutlich vor der Nutzung von Apps kommt.

Mobile Internetnutzung

Zum Ende noch einen kurzen Ausblick auf einen weiteren wichtigen Faktor, der die weltweite Internetnutzung in den kommenden Jahren stark beeinflussen wird: der mobile Zugriff mit dem Smartphone. Mit Ländern wie Indien und Südkorea gibt es Beispiele, in denen bereits ein Großteil der Bevölkerung über mobile Geräte ins Netz geht:

Source: StatCounter Global Stats - Mobile vs. Desktop Market Share

Source: StatCounter Global Stats - Mobile vs. Desktop Market Share

Die Gründe sind hier vermutlich ganz unterschiedlich: In Indien kommt möglicherweise ein großer Teil der Bevölkerung überhaupt erst durch günstige internetfähige Telefone ins Netz, während in Südkorea offenbar inzwischen 40% der Bevölkerung ein Smartphone besitzen, wobei die Durchdringung mit normalen PCs vermutlich schon bei nahezu 100% liegt.

Dieser Trend ist vielleicht sogar noch massiver als die Umwälzungen im Bereich der Desktopbrowser, da er alle Teile der Welt betreffen könnte.

Fazit und Ausblick

Insbesondere durch das ungebrochene Wachstum von Googles Chrome Browser gibt es heute in vielen Ländern drei ‘große’ Browser, deren Marktanteile gemeinsam in einem Korridor von 10-15 Prozentpunkten liegen. Wenn man die Wichtigkeit unterschiedlicher Browser an Hand ihrer Marktanteile einschätzen möchte ist dies heute also schwieriger als jemals zuvor.

Dieser Zustand wird in der Zukunft vermutlich zur Normalität werden, sieht es doch so aus als ob die großen Browser inzwischen alle ihre jeweiligen Bastionen haben, von denen sie sich nicht einfach verdrängen lassen werden. Und den kleinsten der Vier, Apples Safari Browser, kann man auf Grund seiner speziellen, kaufkräftigen Nutzerschaft ebenfalls nicht ignorieren.

Und schließlich müssen auch die mobilen Internetnutzer bedient werden, die eine noch größere Vielfalt von Geräten und Browsern mitbringen und eigene Optimierungen für ihre kleinen Bildschirmgrößen benötigen.

Im positiven Fall könnte dies bedeuten, dass in Zukunft die Standardkonformität zu einem höheren Gut wird wird sowohl für die Browserhersteller wie auch für die Webseitenersteller. Selbst Microsoft scheint unter dem Marktdruck inzwischen auf diese Linie eingeschwenkt zu sein. Nur gibt es beispielsweise bei HTML 5 noch keinen Standard und wird ihn wohl auch in absehbarer Zeit nicht geben.

Im schlechtesten Fall steht uns eine fragmentierte Browserlandschaft bevor, in der es kaum möglich sein wird mit vertretbarem Aufwand funktionierende Webangebote für die Masse der potentiellen Nutzer zur Verfügung zu stellen. Mit einem möglichen Ergebnis, dass sich insbesondere die Nutzer von Smartphones und Tablets noch stärker in die mehr oder weniger gehegten und beschränkten App Stores des großen Anbieter gedrängt fühlen. Ob so eine Entwicklung vielleicht bereits stattfindet lässt sich leider nicht aus den Webstatistiken herauslesen.

Was die individuelle Entwicklung der Browser angeht, so sieht die Zukunft wohl für Chrome und den iPad Safari am rosigsten aus: Google wird Chrome weiterhin in dem rasenden Tempo weiterentwickeln, welches zu einem der Markenzeichen dieses Browsers geworden ist und so die Grenzen des im Internet machbaren erweitern. Die letzten großen Neuerungen sind hier der Native Client und die angekündigte neue Sprache für das Web DART. Bemerkenswert ist dabei, dass es Google bisher gelungen ist die hohe Qualität ihres Produktes zu halten, es also z. B. keine gravierenden Sicherheitslücken gab. Zusätzlich fährt Google weiterhin umfangreiche Werbekampagnen selbst im Fernsehen. Offenbar lohnt sich nach der Meinung einiger Analysen für Google die Investition in solches Marketing bzw. in Chrome generell ganz unmittelbar, da mit jedem gewonnenen Chrome Nutzer auch ein potentieller Nutzer der Google Suche gewonnen wird. Und diese Art von Traffic Acquisition Cost (TAC) ist offenbar günstiger als die Arten, die Google sonst nutzt. Für Google macht es demnach unmittelbaren finanziellen Sinn sein Browserprodukt so stark zu pushen wie es nur geht.

Das iPad verkauft sich weiterhin in riesigen Stückzahlen und Apple ist es bisher gelungen die Konkurrenz hier auf Abstand zu halten. Gerade im privaten Bereich scheint sich nach dem Erwerb eines Tablets ein wesentlicher Teil der Internetaktivitäten auf dieses Gerät zu verlagern, daher ist der Aufstieg dieser Nutzergruppe sicher noch ganz am Anfang.

Microsoft hat mit seinem aktuellen Internet Explorer 9 sicher ein Produkt, welches zu seinem Erscheinungsdatum zu den anderen Browsern aufgeschlossen hat. Da der IE 9 aber nur auf Windows 7 läuft hat Microsoft sich selbst in seiner Konkurrenzfähigkeit eingeschränkt. Dies eröffnet Konkurrenten wie Google ein möglicherweise sehr großes Zeitfenster um Nutzer zu gewinnen, die sich auf ihren weiterhin gut funktionierenden Windows XP Rechnern von Microsoft vernachlässigt fühlen. Trotzdem hat Microsoft natürlich den Vorteil mit ihrem Browser auf nahezu jedem verkauften PC bereits vertreten zu sein, während die Konkurrenten es erst schaffen müssen installiert zu werden. Die größte Bedrohung für Microsoft sind daher wohl Ansätze, die alle Dienste ins Web verlagern und damit das Betriebssystem mehr oder weniger irrelevant machen. Allerdings darf man sich nichts vormachen: Microsoft wird noch auf viele Jahre hin einer der wichtigsten Faktoren für die Entwicklung des Netzes sein, egal wie erfolgreich die Konkurrenten sind.

Am schlechtesten sieht es im Moment wohl für den Firefox aus: Bisher hat es das Mozilla Projekt nicht wirklich vermocht dem Aufstieg von Chrome etwas entgegen zu setzen. In den letzten Monaten hat es auch den Anschein, als ob Chrome nicht mehr nur vom IE zehren würde, sondern nun auch vom Firefox. Der Sprung auf die mobilen Plattformen ist ebenfalls nicht in dem Umfang gelungen, wie es beispielsweise Opera geschafft hat. Auch wird Firefox wohl langfristig mit dem Nachteil kämpfen müssen, dass der Browser auf keinem Betriebssystem der ‘Hausbrowser’ ist. Die Frage ist daher eigentlich nicht mehr, wann der 2. Platz in der Browserhierarchie verloren gehen wird und ob er zurück erobert werden kann, sondern ob und wann Firefox noch weiter nach unten durchgereicht wird und vielleicht Safari Platz machen muss.

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