Donnerstag, 25. Juni 2009

Nutzung von Google Mail, Kalender, Docs und Apps an Hochschulen in Deutschland und weltweit

Googles immer weiter wachsendes Portfolio von webbasierten Anwendungen ist inzwischen offensichtlich auch für Hochschulen interessant. Über das Google Enterprise Blog werden QP1030854-1 Erfolgsgeschichten wie die von der Boise State University, bei der offenbar mehr als 20.000 Studierende plus MitarbeiterInnen auf die Google Services umgestellt wurden, verbreitet. Google selbst bündelt die Beschreibung seines Angebotes für Bildungseinrichtungen auf einer speziellen Seite.

Interessant ist für mich dabei zunächst die Frage, welche Verbreitung diese Dienste, die ja vergleichsweise jung und oft noch als Beta Version gekennzeichnet sind, inzwischen unter Hochschulen in Deutschland, aber auch weltweit erreicht haben. Im Anschluss will ich dann noch keine Beurteilung wagen, welche Vorteile die Nutzung dieser Dienste mit sich bringt, und welche Probleme bei der Einführung an einer Hochschule wohl zu bewältigen sein werden.

Wer nutzt die Google Services

Bei der Frage ‘Wer nutzt die Google Services’ ist es zum einen interessant zu fragen, in welchem Umfang denn die Services verwendet werden, zum anderen aber auch wie groß denn die jeweilige Bildungseinrichtung ist. Es macht natürlich einen Unterschied, ob man eine Hochschule mit 1.000 Studierenden umstellen, oder mit 65.000. Viele Beispiele auch von Hochschulen findet man auf der Kunden Seite der Google Apps.

USA

Hier wird nur eine kleine Auswahl von besonders umfangreichen Projekten getroffen. Laut Google soll es hunderte von Bildungseinrichtungen geben, die die Google Apps nutzen:

Hochschule #Studierende/
MitarbeiterInnen
Nutzungsumfang  

Arizona State University

65.000 Studierende

GMail, Chat, Kalender Fallstudie
Lakehead University, Ontario 38.000 Studierende und Mitarbeiter GMail, Chat und VoIP, Kalender Fallstudie
Northwestern University   GMail, Chat, Kalender Studierende forderten die Einführung
University of Maine System, Verbund von Hochschulen des Bundesstaates Maine Laut Wikipedia insgesamt ca. 34.000 Studierende. Haben einen zentralen IT Dienstleister GMail, Kalender, Docs Die Ankündigung des IT Dienstleisters geht auf Fragen wie Werbeeinblendungen und Datenbesitz ein, vorhandene Mailadressen wurden beibehalten

Australien
Hochschule #Studierende/
MitarbeiterInnen
Nutzungsumfang  
University of Adelaide 16.000 Studierende GMail ZDNet Artikel
Mails aus existierenden Accounts werden automatisch übertragen
New South Wales, Bundesstaat Der Mailservice des kompletten Bundesstaats wurde zentral vergeben, betrifft offenbar 1.3  Millionen Schüler/Studierende GMail Bloomberg Meldung
Es wurde damit eine der größten Outlook/Exchange Installationen abgelöst
Macquarie University 31.000 Studierende, 37.000 Alumni, Mitarbeiter später (Stand 2007) GMail MIS Meldung

Deutschland

Hier bin ich leider nicht wirklich fündig geworden. Zwar gibt es viele eLearning Bereiche an deutschen Hochschulen, die den Einsatz von Google Docs diskutieren, aber eine Hochschule, die die Nutzung der Google Apps zur Strategie gemacht hat, konnte ich nicht aufspüren. Also nur ein Treffer:

Hochschule #Studierende/
MitarbeiterInnen
Nutzungsumfang  
TU Chemitz   Kalender URZ Infoseite

Welche Vorteile könnte man von der Nutzung der Google Services erwarten

Was macht das Google Angebot eigentlich so attraktiv für Hochschulen? Hier ein Benutzerbekenntnis aus einer Google Seite:

Google Apps Education unterstützt die Arizona State University bei ihrer Entwicklung hin zu einer überaus flexiblen Universität, die ihren Studenten hervorragende technische Voraussetzungen bietet. Die Einbindung von Webmail, Instant Messaging und Kalenderfunktionen bei Google ist einfach konkurrenzlos.

- Kari Barlow, Vizedirektor des University Technology Office, Arizona State University

Coole|Visionäre|Moderne Services auf der Höhe der Zeit

Im Google Paket sind Dienste enthalten, die heute vermutlich zu den besten und innovativsten ihrer Art gehören. Hier nur eine minimale, sehr subjektive Aufstellung:

GMail: Hat die Art wie man mit Mail arbeitet revolutioniert. Es erscheint heute schwer vorstellbar wie man ohne thread conversations, superschnelle Suche, eingebauten Chat, Dokumentenvorschau und dergleichen jemals leben bzw. effizient arbeiten konnte. In einem Test der Stiftung Warentest hat GMail als bester Dienst abgeschnitten und Spam ist fast kein Problem mehr. Und die Studierenden sind schon da, zumindest ein signifikanter Anteil. Hinzu kommt der quasi unbegrenzte Speicherplatz von heute 7 Gigabyte. Von Hochschulen angebotene Maildienste bieten meist nur einen Bruchteil, so erhalten die Studierenden an der Universität Bielefeld 500 Megabyte große Mailpostfächer.

Kalender: Mit seiner Offenheit, Flexibilität und Kollaborationsfunktion sicher eines der führenden Produkte in diesem Segment. Der Kalender lässt sich in GMail, iGoogle und anderen Kalenderanwendungen integrieren.

Docs: Auch wenn sie weiterhin im Vergleich zur den klassischen Officepaketen weniger Funktionen bieten, so haben sie doch gerade im Bereich der Kollaboration neue Wege gezeigt, die für eine Hochschule z. B. im Bereich der elektronische Lehr-Lern-Unterstützung viel höher zu bewerten sind.

Da alle Dienste komplett webbasiert sind lassen sich Weiterentwicklungen sehr schnell ausrollen und stehen allen NutzerInnen unmittelbar zu Verfügung.

Integrationsmöglichkeiten

Google scheint im Konkurrenzkampf mit Microsoft auf Offenheit zu setzen (siehe Heise). Bestätigt wird dies durch Fallbeispiele wie das der Arizona State University, bei denen z. B. Anmeldungen über hochschuleigene CAS Dienste realisiert wurden.

Das Geld

Auf dieser Google Seite ist davon die Rede, dass die Dienste kostenlos seien. Aber möglicherweise gibt doch bestimmte Aufwendungen, wenn man wie z. B. die Grand Valley State University die Mailpostfächer werbefrei halten will. In diesem Artikel der PC Welt ist allerdings auch die Rede davon, dass für Bildungseinrichtungen die Nutzung kostenlos sei.

Die Personaleinsparung

Die Nutzung der Google Anwendungen könnte massive Entlastungen beim Betrieb der IT Infrastrukturen bringen. Dies hat zwei Gründe:

  1. Cloud Computing: Eine ganze  Reihe von bisher von der Hochschule zu betreibenden Diensten wird ausgelagert und kann von erheblich weniger Personal betreut werden. Beispiele für solche wegfallenden Services: Mailserver, eLearning Dienste, Serverbetrieb, Backup
  2. Das Web als neuer Desktop: Alle Google Anwendungen sind komplett webbasiert und lassen sich mit einer großen Anzahl von Browsern auf beliebigen Betriebssystemen nutzen. NutzerInnen dieser Dienste, die keine anderen Anwendungen brauchen, können sich an beliebigen PCs anmelden und arbeiten. Für den IT Support bedeutet dies die Option stark standardisierte, wartungsarme PC Installationen vorzunehmen.

Beide Aspekte haben das Potential das vorhandene IT Personal an Hochschulen stark zu entlasten.

Welche Probleme könnte man erwarten

Abgabe von Kontrolle

Die Nutzung der Google Dienste bedeutet den Einstieg in das Cloud Computing. Bisher direkt an der Hochschule betriebene Dienste wie Mailserver werden ausgelagert in eine technische Struktur, auf die die Hochschule keinen direkten Zugriff mehr hat. Daraus ergeben sich u. a. folgende Fragen:

  • Wie kann der Zugriff der Hochschule auf ihre Daten gesichert werden, um z. B. einen Anbieterwechsel prinzipiell offen zu halten?
    • Teilfrage: kann/soll sich die Hochschule komplett auf die Datensicherung durch den Anbieter verlassen, oder ist ein eigenes Backup notwendig?
    • Teilfrage: Was sind überhaupt die Daten der Hochschule? MitarbeiterInnen und insbesondere Studierende werden die Plattformen auch für individuelle Zwecke nutzen (private Dokumente, Mails, etc.). Dies sind dann keine Daten der Hochschule mehr
  • Wie ist eine solche Auslagerung von Daten und Datenverarbeitungen mit der Datenschutzgesetzgebung vereinbar?
  • Was sind angemessene Service Level Agreements (SLAs), wie wird die Einhaltung kontrolliert und wie werden Verstöße sanktioniert?
Vorbehalte der BenutzerInnen gegen Google

Google stößt trotz seines ‘Don’t be evil’-Mottos zunehmen auf Vorbehalte insbesondere bei Datenschützern,  denen der Informationshunger des Unternehmens suspekt ist. Im heterogenen Umfeld einer Hochschule ist auf jeden Fall damit zu rechnen, dass unter den MitarbeiterInnen und Studierenden ein Anteil vorhanden ist, der dieses Bedenken teilt.

Zum Schluss

Habe ich etwas vergessen? Gibt es weitere Hochschulen in Deutschland, die ich übersehen habe? Bin für Ergänzungen und Hinweise dankbar!

Update

Die spezielle Frage nach der Zuverlässigkeit der Google Dienste habe ich in einem späteren Blogeintrag kurz betrachtet: Zuverlässigkeit der Google Apps

Update  2

Hier zwei interessante Blogeinträge, die die Integration von Google Apps mit Learning Management Systemen (LMS) wie Moodle und Blackboard beschreiben:

In einem anderen Beitrag geht es um ein Angebot an Schulen ihren Mailservice von Googles Postini Service sicherer machen zu lassen:

Diese Beiträge zeigen, auf welch unterschiedlichen Wegen Google Angebote für Bildungseinrichtungen platziert.

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